Eine Frau der Extraklasse
Mit Birgit Schönherr-Hölscher
und Michael Sommer sind
die Titelverteidiger im 100-km-Lauf erfolgreich
Kienbaum. „Glück hat meistens der Tüchtige“, sagte Gert Schlarbaum, „und
Glück hatten wir heute“. Der Gesamtleiter der Deutschen Meisterschaften im
100-km-Straßenlauf am Samstag am Bundesleistungszentrum Kienbaum bei Berlin
konnte dies bereits vor dem Start um sechs Uhr verkünden. Denn der anhaltende
Dauerregen war in der Nacht verebbt und so waren bei trockenem Kurs über 5 km
und Temperaturen von 5 bis etwa 13 Grad am Nachmittag „gute Bedingungen“,
wie der DLV-Bereichsleiter Volkmar Mühl vermerkte.
Unter dem Aspekt der Kandidatur für den Jahreshöhepunkt der
Ultramarathon-Spezialisten – die EM inklusive des World Challenge Cups im
September in Windschoten/Niederlande – überzeugten die erneut erfolgreiche
und nun zweimalige Meisterin Birgit Schönherr-Hölscher (Witten), der erstmals
unter sieben Stunden einkommende Zweite Jörg Hooß (Marpingen) und der auf persönlicher
Bestzeit bis zu seinem verletzungsbedingten Ausscheiden befindliche Meister von
2004 an gleicher Stelle, Thomas König aus Lößnitz. Titelträger zum sechsten
Male – damit ist er nun „Rekordmeister“ dieser Kategorie - wurde der große
Favorit Michael Sommer aus Schwaikheim. Nach 13 Jahren im Einsatz auch für die
Nationalmannschaft, im Vorjahr 7. beim Weltcup, möchte der 43-Jährige nun ein
wenig kürzer treten und sich nicht mehr dem „übergroßem Aufwand“ zur
Vorbereitung auf internationale Topereignisse unterziehen. „Ich fühle mich für
derartige Aufgaben nicht mehr motiviert, hatte vor paar Wochen keine gute Form
und habe sogar überlegt, auf die Meisterschaften dieses Jahr zu verzichten.“
Waren es sogar sein letzten Meisterschaften?- „Mal sehen.“
Dank Sommers kluger Renn- und Kräfteeinteilung schaffte der gleichaltrige Jörg
Hooß erstmals den Sprung unter die begehrte 7-Stunden-Barriere (6:59:03). „Da
beginnt die Weltklasse“, erklärte Hooß begeistert. Er hatte sich schon in
der ersten 5-km-Runde vom Feld abgesetzt (Sommer: „Das war mir einfach zu
schnell“), musste Sommer bei etwa der Hälfte rankommen lassen und marschierte
zusammen mit jenem die nächsten 40 Kilometer. Dann konnte er den Dauerrivalen
nicht halten, knackte aber die sieben Stunden. „Das verdanke ich der
Zusammenarbeit mit Michael“, erklärte Hooß. Bei 16 vorherigen Vergleichen
auf dieser Distanz war der Schwabe Sommer „immer vor mir. Da wollte ich ihn
mit schnellem Beginn unter Druck setzen und herausfordern“. Jener verlor aber
nie den Kontakt zum Ausreißer, blieb auf 100 bis 175 m dran und wusste, dass er
mit seiner Taktik des Tempo-Gleichmaßes seine Chance bekommen würde. Mit
6:56:15 („Ich hatte mich vorher eher auf ein Resultat zwischen 7 und 7:20
eingestellt“) verfehlte der Sieger (Michael
Sommer) seine Bestzeit von 6:42 wie auch den
Streckenrekord von Lutz Aderhold (6:47:42/1996): „Die anfangs kühlen
Temperaturen, das hohe Anfangstempo und vor allem meine in dieser Saison
reduzierte Trainingsvorbereitung haben wohl nicht mehr zugelassen.“
Pech hatte der Nationalmannschaftskollege Thomas König (Lößnitz), Sieger an
gleicher Stelle 2004. Bis kurz vor 70 km lag er an dritter Stelle und auf
Bestzeitkurs. Dann knickte er in einer Kurve auf einem Absatz um und musste
aufgeben. „Schade“, meinte der DLV-Bereichsleiter Ultramarathon und Leiter
des Nationalteams Volkmar Mühl. „Aber ich rechne mit Thomas, weil er seine
WM-Tauglichkeit ja bereits in Korea bewiesen hat und bis zur Nominierung im Juni
ja noch Gelegenheit für einen guten 100er hat.“
Die kalten Windböen „über fast 1 km der Runde“ haben auch der
Frauensiegerin zu schaffen gemacht. Doch für die aktuell gute Form und ihre
Klasse spricht, dass Birgit Schönherr-Hölscher mit
7:52:11 dennoch die
Streckenbestmarke der Französin Reymonenq Maggiolini (7:54:53/2004) deutlich
unterbot. Rund 34 Minuten hatte die 38-Jährige, die auch in der
Triathlon-Bundesliga für Witten startet, im Vorjahr EM-Zweite im Triathlon
wurde und zweimal die Qualifikation für den Iron Man auf Hawai erreichte
(„Diesmal will das auch endlich nutzen und dort dabei sein“), Vorsprung vor
der zweitplatzierten Marion Braun (Eichenscheid). Ingesamt wäre die Frauenbeste
unter 171 Startern über 100 km (145 in der Meisterschaftswertung mit jeweils
acht Altersklassen) Zehnte geworden! Nach einem taktischen Konzept („Ich laufe
grundsätzlich mehr nach meinem Gefühl“) sei sie nicht vorgegangen und auch
den Streckenrekord habe sie nicht im Blick gehabt. Der Wind und vorübergehend
Seitenstechen hätten sie veranlasst, etwas langsamer anzugehen. Der 17-jährige
Sohn David („Er hat sich schon einmal am Marathon versucht“) und die 10-jährige
Tochter Mara „haben mich an der Strecke wieder unterstützt. Das hilft mir
sehr“. Einen dritten 100er – der zweite wird der Jahreshöhepunkt EM
sein – wird es für sie nicht geben: „Das ist mir zuviel neben Triathlon,
Beruf und Familie.“
Insgesamt hatten sich 33 Frauen auf die 100-km-Tour begeben. Die Quote der
vorzeitigen Aussteiger lag einschließlich der 50 km bei etwa einem Drittel. Die
Gesamtzahl der Aktiven, eingerechnet die 5x10-km-Staffel, war mit 254 höher als
üblich. Eine Folge der Tatsache, dass hier zum zweiten Male nach 2004 die
100-km- Meisterschaft (21. Titelkampf) mit dem Internationalen Laufklassiker von
Grünheide/Kienbaum verknüpft worden war.
„Wir möchten den Traditionslauf hier pflegen, etwas für die Freunde des
Ultramarathons und für das Image Brandenburgs tun“, hatte Gesamtleiter
Schlarbaum vorher verkündet. Das ist mit der 27. Auflage von Grünheide/Kienbaum
auch dank der Kooperation mit dem Bundesleistungszentrum gelungen. Ernst Podeswa
50 km, Männer: 1. Sörensen (Nord Berlin) 3:37:32, 2. Malik (SCC Berlin)
3:40:36, 3. Bönig (Belzig) 3:50:57; Frauen: Mallmann (Ahlen) 4:21:11, 2. Börner
Stolpertruppe Berlin) 4:46:58, 3. Wendler (LT Bernd Hübner) 4:50:45.
Ergebnisse 100 km siehe http://www.leichtathletik.de
bzw. www.ultra-marathon.org